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Allergattig Pilger und Kurgäste
(15/04/23)


Bei «Seelisberg» denkt man an den 1980 eröffneten gleichnamigen Tunnel der Nord–Süd-Achse A2 am Vierwaldstättersee zwischen Nidwalden und Uri. Mit seinen knapp neun Kilometer war er lange weltweit und ist bis heute der Schweiz längster doppelröhrige Strassentunnel. Doch das Dorf auf 845 Meter über Meer — in unmittelbarer Nachbarschaft zum Rütli, wo die Eidgenossen im Jahr 1291 ihren Bund beschworen — wurde viel früher als Wallfahrtsort bekannt: Der hochwürdige Herr Balthasar, Bischof von Ascalon und Konstanzer Weihbischof hatte am 7. Juli 1589 das ums Gnadenbild der Heiligen Jungfrau gebaute kleine Gotteshaus eingeweiht, und seit dem 17. Jahrhundert pilgerten unzählige Gläubige zur Kapelle Maria-Sonnenberg auf die Felsenterrasse am linken Ufer des wildromantischen Urnersees.

«Panorama Urnersee»
Urnersee, Panorama um 1900

Um 1840 erstellte die Familie Lauener neben dem Kirchlein eine hölzerne, aber komfortable Herberge für die Bedürfnisse der Pilger, und 1852 trat der eigentliche Begründer der Fremdenstation Seelisberg-Sonnenberg auf den Plan: Michael Truttmann-Borsinger. Der 1833 geborene Sohn eines wohlhabenden Landwirts und Kirchenvogts hatte bei den Jesuitenpatres in Schwyz gelernt, die Hotelfachschule in Lausanne besucht und war politisch engagiert, so von 1858 bis 1878 als Urner Regierungsrat.

«Kapelle Maria Sonnenberg auf Seelisberg»
die Gnadenkapelle «Maria Sonnenberg» auf Seelisberg, um 1930

Truttmann kaufte 1852 das einfache Wirtshäuschen und erstellte kurz darauf zusätzlich einen zweistöckigen Holzbau, den er bereits 1859 auf mehr als das Doppelte vergrösserte. 1864 erweiterte er die Anlage auf der Südseite des Neubaus mit einer Dependance, der «english pension»: ein viergeschossiges Steinhaus mit schwach geneigtem Walmdach, durch einen gedeckten Gang mit dem Hauptgebäude verbunden.

«Hotels und Kapelle auf Seelisberg»
Truttmanns «Grand Hôtel und Kurhaus Sonnenberg» auf Seelisberg
 
Grand Hotels Kulm Sonnenberg Seelisberg
Seelisberg Grand Hôtel Sonnenberg


1875 liess Truttmann anstelle des ersten Gasthofs das «Grand Hôtel und Kurhaus Sonnenberg» mit 260 Betten bauen. Der Auftrag ging an Horace Edouard Davinet, einen gebürtigen Franzosen, der damals zusammen mit seinem Schwager Friedrich Studer in Interlaken ein erfolgreiches Architekturbüro führte. Die Anlage bestand nun aus drei grossen Gebäuden mit insgesamt 134 Zimmer — 23 mit Balkon und 78 mit Blick auf den tiefblauen, mitunter lauchgrünen See —, einem angegliedertem Speisesaal für 250 Gäste sowie modernem Postbureau mit Telegraph und Telephon.

«Wirtshaus zur Treib»
im vor dem Föhn gut geschützten Wirtshaus «zur Treib» hielt
die fünfortige Eidgenossenschaft 72 Tagsatzungen ab

Dank der 1854 in Betrieb genommenen Dampfschiffstation und der von Truttmann um 1870 vorangetriebenen Strassenverbindung nach Schöneck und Treib erlangte die klimatische Kuranstalt mit ihren hydrotherapeutischen Einrichtungen und wunderbaren Park- und Gartenanlagen rasch einen hervorragenden Ruf im In- und Ausland, von Amerika über Europa und Afrika bis nach Ostindien. Die Kurmittel auf Seelisberg waren nicht nur die mild stärkende, an Ozon reiche Alpenluft der Fichtenwälder und das auch für warme und kalte Wannenbäder und Duschen verwendete Quellwasser vom Seelisbergerkulm. Die eigentliche «Heilbehandlung» bestand aus morgens und abends frisch gemelkter Kuh- und Geissenmilch, vorzugsweise aber aus frischem Molken; eine Therapie, die Jahre zuvor in Albisbrunn und Meiringen entwickelt worden war.

«Kuretablissement Sonnenberg auf Seelisberg A.-G., Seelisberg 1900»
Kuretablissement Sonnenberg auf Seelisberg A.-G., Seelisberg 1900,
Prioritäts-Aktie über CHF 500

Ein Zimmer mit Bett kostete beim Aufenthalt von mindestens einer Woche rund zwei Franken pro Tag (eine Zehnernote für eine Suite, damals Salon genannt), dazu wöchentlich einen Fünfliber für Kost sowie zwei Franken fürs Service — und die «Bougie» gabs für 50 Centimes. Zur Unterhaltung der mehr oder weniger kranken Gäste dienten ein üppiges Billard-Zimmer, die gedeckte Kegelbahn und eine reich ausgestattete Bibliothek. Für Ausfahrten standen Pferde und Wagen bereit, und zwei Mal die Woche spielte die Kurkapelle auf.

«Gasthausbau-Gesellschaft auf dem Pilatus», Altnacht 1860
Lageplan der Drahtseilbahn Treib-Seelisberg, 1917 (big)
 
Wirtshaus zur Treib, Schiffsanlegestelle, Talstation Drahtseilbahn Treib–Seelisberg
Treib–Seelisberg-Bahn mit Blick auf die Mythen
Treib–Seelisberg-Bahn, Plakat A.W. Diggelmann
Drahtseilbahn Treib–Seelisberg

«Treib-Seelisberg-Bahn Bergstation»
die Bergstation der TSB anno dazumal (big)


Um die Jahrhundertwende wurden die Anlagen von der «Kuretablissement Sonnenberg auf Seelisberg A.-G.» übernommen. Die Gesellschaft, ausgerüstet mit einem Eigenkapital von gerade mal CHF 300'000, gab 1901 eine Anleihe über CHF 750'000 zu 4.5% aus, um die Kuranstalten zu renovieren; 1910 musste sie selber saniert werden und ging 1914 Konkurs. 1915 kaufte die neu gegründete «Grand Hôtel & Kurhaus Seelisberg (Sonnenberg) Aktiengesellschaft» die Hotels — und 1916 wurde der Kulm (nach zwei erfolglosen Versuchen 1887 und 1901) mit der Standseilbahn vom See aus doch noch erschlossen —, gleichwohl geriet auch dieses Unternehmen in finanzielle Nöte und wurde Ende 1932 aufgepäppelt. Zwar gelang es, das «Grand Hôtel Sonnenberg» bis zum Zweiten Weltkrieg knapp über die Runden zu bringen, und im Sommer 1947 fand hier die «International Conference of Christians and Jews» statt, doch dann standen die Gebäude über Jahre fast immer leer.

«IVC 7000P»
Grand Hôtel & Kurhaus Seelisberg (Sonnenberg) Aktiengesellschaft,
Seelisberg 1915, Aktie über den ungewöhnlichen Nennwert von CHF 700

1968 begann ein unerwartetes Kapitel am Seelisberg. In diesem Jahr logierte im Grand Hôtel erstmals Maharishi Mahesh Yogi, der sanfte Guru der «Transzendentalen Meditation» — die kostenpflichtig gelehrte und markenrechtlich geschützte technische Wiederbelebung einer alten indischen Lehre. Der kanonische Meister fürs sogenannte «Yogische Fliegen» kaufte 1972 die beiden Hotels «Kulm» und «Sonnenberg», errichtete im «Sonnenberg» den Hauptsitz seiner «Weltregierung des Zeitalters der Erleuchtung», mietete später noch das rechts von der Kapelle gelegene «Waldhaus Rütli» samt Dienstbotenhaus mit Gartenwirtschaft und erwarb eine grosse Zahl von Ferienwohnungen und Einfamilienhäusern dazu.

«Maharishi Mahesh Yogi 1978»
Maharishi Mahesh Yogi, 1978 in Huntsville/TX

Leider verschlechterte sich über die Jahre das Verhältnis zu den (Steuer-)Behörden und auch den Einheimischen stetig — die Seelisberger Hausfrauen riefen 1980/81 den «Brot-Krieg» mittels einer Laden-Genossenschaft aus gegen die immer mächtigere Firma, die das halbe Dorf und schliesslich sogar die Bäckerei transzendental unter ihre Fuchtel gebracht hatte —, und so musste die Organisation ihren Weltsitz 1992 zwangsläufig in ein ehemaliges Franziskanerkloster, ins steuergünstig niederländische Vlodrop und schliesslich nach Indien verschieben …

«Sonnenberg Hotels luggage label 1930s»
ein Gepäckaufkleber, um 1930

Damit schrumpfte der globale TM-Nabel zur europäischen Ausbildungsstätte seiner Fluglehrer — etwas nobler «Maharishi European Research University (MERU)» genannt —, beherbergt aber immerhin noch das 1987 von Dr. Oliver Werner gegründete «Ayurveda Health Centre». Doch der transzendentale Betrieb am Seelisberg holpert, der Schweizer Residenz fliegender Teppichhändler droht der Zerfall — die Luxusherberge Grand Hôtel ist baufällig, das noble Kulm mit seinen knapp hundert Zimmer steht seit langem unbewohnbar leer —, gleichwohl will die heute «Globales Land des Weltfriedens» heissende Organisation immer noch kein Geld für die Renovation aufwerfen. Seit vielen Jahren möchte der hiesige Chefpilot Raja Felix Kägi die ehemalige Weltzentrale mit ihren Gebäuden und eidgenössischen Filialen auf insgesamt fünf Hektaren Land verkaufen, es scheiterte bisher wohl nur an den Preisvorstellungen: 100 Millionen sind anscheinend sanft überschätzt; eigentlich wäre dieser Ort fast ein Paradies …

«1 Raam»
0.6% «bearer note» zu 1 Raam, «concept creation date» Oktober 2001

PS: Das 2000 von Maharishi Mahesh Yogi ausgerufene «Global Country of World Peace» führte eigenes «Geld» ein — es gilt als Komplementärwährung in der Maharishi Vedic City/Jefferson Cy im amerikanischen Bundesstaat Iowa sowie in den Niederlanden, u.a. im Umkreis von Limburg — und plante 2005 auch eine hochverzinsliche Anleihe im Gesamtbetrag von USD 10'000'000'000'000 (yep, 10 trillions!). Da gerade in heutigen Zeiten 15% starken Appetit machen: FYI die Originalprospekte aus den Jahren 2006 und 2007, die Zusammenfassungen in Deutsch/Englisch sowie entsprechende Artikel von Mark Gilbert (bei Bloomberg) und Tom Hillenbrand (im Spiegel).

Quellen:
• Dr. August Feierabend, Die klimatischen Kurorte der Schweiz, Verlag Wilhelm Braumüller k.k. Hof- und Universitätsbuchhändler, Wien 1865
• Dr. August Feierabend, Die klimatischen Luftkurorte um den Vierwaldstättersee, in: Dr. Hermann Reimer und Prof. Dr. Carl von Sigmund, Vierteljahrschrift für Klimatologie mit besonderer Rücksicht auf klimatische Kurorte, Verlag von Veit & Comp., Leipzig 1876
• Uri: Land und Leute nebst praktischem Reiseführer für Alpenfreunde, Buchdruckerei Huber, Altdorf 1902
• Schweizerische Bauzeitung, Bd. 69/70, Hefte 11/12, 1917 (ETH-Bibliothek/retro.seals.ch)
• Schweizerische Gesellschaft für Kulturgüterschutz (SGKGS/sgkgs.ch)
• Hugo Stamm, Den Yogi-Hotels fehlt die Erleuchtung, Basler Zeitung/BaZ, 20.07.2010
• hotel revue/htr.ch
• im Text genannte und eigene Unterlagen

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