Welcome to Hans Erni!

Exil und Eroberung


1943 gab die Schweizerische Nationalbank Hans Erni den Auftrag, Banknoten zu entwerfen: Einen «Not-Tausender» für den Fall, dass Nazi-Deutschland die Schweiz überfallen und deshalb im Vorfeld falsche Geldscheine in Umlauf setzen würde, sowie einen Satz, geplant als Nachfolger der damals laufenden Serie von Balzer, Burnand und Hodler. Sechs Jahre später folgte ein weiterer staatlicher Auftrag: Ernis erste Briefmarke für die PTT, die «Pro Aero 1949».

«Pro Aero-Blatt, 1949»
«Pro Aero 1949», PTT-Sammelblatt #106, 14.8 x 20.9 cm (big);
dazu eine Skizze und das klärende Zeitdokument

Das war für seine Gegner nun wirklich zuviel freiheitlicher Gesinnung und die lang ersehnte Steilvorlage: Der Luzerner Nationalrat Dr. Kurt Bucher fragte im März 1949 den Bundesrat, wie «ausgerechnet ein Kommunist wie Erni», der «politisch der kommunistischen PdA angehört» — btw eine falsche Behauptung —, Schweizer Banknoten gestalten durfte. Anderthalb Jahre später(!) antwortete der Bundesrat, Hans Erni habe «in früheren Jahren (…) bestimmte Aufträge erhalten, für deren Bewältigung er qualifiziert erschien», doch offensichtlich verlor er die Kompetenz, denn «seit 1949 wurden ihm (…) keine Aufträge mehr erteilt». Nun konnte jeder den mindesten Anstand fahren lassen und dem nie sonderlich genehmen Zeitgenossen, dem «Klassenfeind» endlich das einfache Moskauer Ticket empfehlen. Hans Erni ward rasch und gründlich ausgeschlossen, als «intellektueller Bolschewist» offiziell protokolliert (btw als «einer der gefährlichsten Linksextremisten der Schweiz» insgeheim fichiert) und nebenbei mangelnde Qualität attestiert. Es ging so weit, dass Bundesrat Philipp Etter, als Chef des EDI zuständig für die Kulturpolitk, den Künstler 1951 trickreich von der Biennale im brasilianischen São Paulo ausschloss (nachzulesen in der 1989 eröffneten Fiche der bisweilen hirnrissig handelnden Bundesanwaltschaft).

«Scylla, 1957/58»
«Scylla», 1957/58, Radierung, 12.4 x 11.2 cm,
aus: «Ovid — Metamorphoses»,
The Limited Editions Club of New York, Officina Bodoni Verona (big)

Artikel in gutbürgerlichen Zeitungen und anonyme Drohungen von fanatischen «Patrioten» zeigen, wie seine eigene Heimat Hans Erni als Aussätzigen brandmarkte. Es stimmt: Erni war gesellschaftlich engagiert. Er setzte sich patriotisch und politisch ein: immer wieder für die Rechte der Frauen, 1947 für die AHV und 1949 zugunsten eines fairen Beamtengesetzes, immer wieder für Gerechtigkeit und Menschenwürde — und er, das Kriegskind, glaubte zutiefst an den Dialog als schliesslich einzigen friedfertigen Weg; er hoffte lange, die marxistische «Menschwerdung» als Antithese zu Hitler, Mussolini & dergleichen führe zu einer besseren Welt. Aber er war nie Marionette oder Mitglied irgendeiner Partei, er lehnte kommunistische Aufträge ab, er bezog mehrmals Stellung gegen den Stalinismus und verurteilte 1956 in einer öffentlichen Erklärung den sowjetischen Überfall Ungarns — und er brach sogar mit Konrad Farner, einst sein politischer Mentor.

«Bretterzaun, 1957/58»
«Bretterzaun», 1971/1974, Öl, 150 x 122 cm (big),
das «Kommunistische Manifest» ist ad acta gelegt, an den Nagel gehängt

Doch war das im Detail offenbar zu anstrengend, man schalt ihn der Einfachheit lieber «Kommunist» und bog billig den Stab. Ab 1945 wurden seine Werke in der Schweiz nur noch von einer Handvoll mutiger Galeristen ausgestellt, die bereits gedruckten Banknoten eingebunkert, und auch die PTT liessen nach 1949 nichts mehr von sich hören (deshalb das «philatelistische Loch» von 1950 bis 1963). Erst 1966, anlässlich der Ausstellung im Museum zu Allerheiligen in Schaffhausen reichte die offizielle Schweiz mit bundesrätlicher Anwesenheit Hans Erni wieder die Hand, nach knapp 20 Jahren innerer Verbannung …

«The Library, Bulletin of the Museum Of Modern Art, January 1944»
eine frühe Spur in die Vereinigten Staaten: «Spirale», Titelblatt «The Library»,
Bulletin of the MoMA, New York, January 1944, 12 S., 23.7 x 18.4 cm (big)

1950 hatte Hans Erni den Direktor des Ethnographischen Museums Neuenburg, Prof. Jean Gabus auf eine Studien- und Forschungsreise nach Mauretanien und Guinea begleitet und arbeitete dann an afrikanischen Sujets, als das völlig Unerwartete eintrat: Gerade die USA — mitten in der McCarthy-Ära — öffneten ihre Tore und luden Hans Erni zu Ausstellungen ein.

«Arthur Meeker Jr. re. Hans Erni, Chicago Sunday Tribune, 1951 September 23»
der Romancier und Journalist Arthur Meeker Jr. — er stammte aus Chicago
und besass ein Chalet am Bürgenstock — schrieb 1951 diesen Artikel

Der Chicagoer Kunsthändler Joseph W. Faulkner — nebenbei ein U.S. Army Secret Agent, stationiert in Bern — startete 1951 in seiner eigenen Galerie die allererste Ausstellung in den Vereinigten Staaten; er wurde Ernis Agent und Wegbereiter, so dass der hierzulande geschnittene Künstler über die nächsten Jahrzehnte die USA eroberte.

«Joseph W. Faulkner und Hans Erni in Luzern»
Hans Erni mit Joe W. Faulkner in Luzern (big)

Hans Erni im Rückblick auf jene Zeit: «Nachträglich spielt diese ganze Boykottbewegung nicht die Rolle, die man von aussen annimmt. Jede negative Haltung gegenüber einem Künstler überwindet dieser, in dem er sich doppelt anstrengt» (DRS 1, 18.02.04, «Rendez-vous»).

Beeindruckend die Liste der 48 mir bekannten Ausstellungen in den USA von 1951 bis heute
(GA = Gruppenausstellung):

«ITT Laboratories 1952 Science ad»
ein echter Erni? Ausschnitt einer Anzeige der ITT Laboratories,
eines Bereichs der International Telephone and Telegraph Co., 1952 (full)

«American Artist 1953»
American Artist, Special Summer Issue, June – July – August 1953,
die erste Seite des Artikels von Henry C. Pitz (big) und sein Text

«Chicago Sunday Tribune 1953 October 11 title»
die Chicago Tribune 1953 über Hans Ernis zweite Ausstellung
in «The Windy City»: 11. Oktober, 30. Oktober und 8. November

«Main Street Gallery 1955»
Main Street Gallery, 1955, Prospekt (pic) mit einer kurzen Einführung

«Western Winchester/Olin Mathieson Chemical Corp. 1955»
Western Winchester/Olin Mathieson Chemical Corp., 1955 (big);
NB. Dieses Plakat entstand ohne Einverständnis von Hans Erni¹

(seit Mitte 2014 wird dieses Plakat bei ebay auch als Raubdruck angeboten)

«The Modesto Bee, March 9, 1956»
The Modesto Bee, March 9, 1956, p. 15

«Cincinnati Art Museum, litho catalog, 1952»

4th International Biennial of Contemporary Color Lithography (big),
The Cincinnati Art Museum, Cincinnati/OH; der Katalog führt
426 Lithographien auf von 275 Künstlern aus 32 Ländern —
darunter die Schweiz — und zeigt genau acht Werke ganzseitig:

   
«Antoni Clavé»
«Pablo Picasso»
«Riko Debenjak»
«Reginald H. Neal»
   
«Hans Erni»
«Karl Rödel»
«Bernard Schultze»
«Berto Lardera»


Der Zürcher Verleger «L'Œuvre Gravée» lieferte die drei Lithographien
von Hans Erni: die oben gezeigten «Zebras» sowie …


«Quatre Filles / Vier Mädchen»
… die «Vier Mädchen» (big) und die «Ländliche Szene»

«Main Street Gallery 1959»
Main Street Gallery, 1959, Katalog (>>> Umschlag voll);
daraus Sir Herbert Reads Vorwort und eine kleine Presseschau

«Gropper Art Galleries 1959»
Gropper Art Galleries, 1959, Plakat, Lithographie zweifarbig,
WV 89 (aus: «Hans Erni — Die Plakate»)

«Homer The Odyssey, Doubleday/Anchor 1963»
1963 erschien bei Doubleday (dem damals grössten amerikanischen
Verlag) Homers Odyssee als Anchor-Taschenbuch (big)



«Hans Erni at Riji, rare signed cover»
Vignette «Der Plastiker» auf Sonderbrief der Riji Gallery, 1981, WV VP-11,
frankiert mit US-Marken und zusätzlicher Schweizer Frankatur «A. Einstein /
1879 – 1955», 1972, CH-11.4, u.r. handsigniert (big)
   
«Hans Erni/Riji Gallery, 1981, 10 centimes»
«Hans Erni/Riji Gallery, 1981, 20 centimes»
«Hans Erni/Riji Gallery, 1981, 30 centimes»
«Hans Erni/Riji Gallery, 1981, 80 centimes»
   
«Hans Erni/Riji Gallery, 1981, invitation p. 1»
«Hans Erni/Riji Gallery, 1981, invitation p. 2»
«Hans Erni/Riji Gallery, 1981, invitation p. 3»
«Hans Erni/Riji Gallery, 1981, invitation p. 4»


«Riji Schenectady Gazette supplement»
Syd Kronishs Artikel in der «Schenectady Gazette»
und der Beitrag in den «Palm Beach Daily News»

«Sitzende, mit Haar spielend/redhaired girl, 1977»
«Sitzende, mit Haar spielend», 1977, Lithographie dreifarbig;
Ernis «Ginger» schmückte rückseitig den Ausstellungskatalog (big)

«peintre assis»
das Plakat zur Ausstellung am Cal Poly Pomona ziert das Abbild
der Lithographie «peintre assis» von 1956 (big)

exhibition Houston/TX, 2012
die Retrospektive zeigte 40 Plakate von 1948 bis 2009, «presented in
partnership with Nespresso and the Consulate of Switzerland in Houston»
(photo: courtesy of Meredith Deliso/ArtAttack, Houston Press)

Im Hinblick darauf führte John Bernhard in Luzern ein Interview mit Hans Erni und schrieb im März 2015: «Swiss artist Hans Erni, whose prolific work ranged from tiny postage stamps to enormous frescoes, has died. I want to share this video interview that I have made in 2012. I had the most incredible time visiting whith him in his house/studio in Lucerne. He was my hero and a great inspiration to my own work. He was 106 years old. I will miss him.»²

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und besonders in Europa war die während Jahrhunderten gängige (und heute wieder einigermassen etablierte) fruchtbare Zusammenarbeit von Kunst und Wirtschaft verpönt: Kunst war «intellektuell», niemals Handwerk, und sie durfte keinesfalls «dienen», sich sicher nie den «Mächtigen» oder gar dem «Kapital» verkaufen; der wahre Künstler sollte lieber darbend für Gottes Lohn arbeiten, bei Bedarf einem guten Zweck dienen und allerhöchstens volkseigen bezahlt für eine Ideologie werkeln, denn nur so konnte die Gesellschaft ordnungsgemäss zu ihrem Glück reformiert werden. Dabei stand der rebellische Leonardo da Vinci auch im Dienst der Mailänder Sforza, die Florentiner Banquiers des Medici-Clans unterstützten Michelangelo, Johann Wolfgang von Goethe war übrigens Direktor der Ilmenauer Bergwerke, und sogar der eigenwillig-freigeistige Sokrates soll ein Gehalt der staatlich getragenen Athener Schule erhalten haben. In unserer Zeit malte Alfons Maria Mucha herrlichen Jugendstil u.a. für die tschechoslowakische Post und Nestlé, das Kaufhaus Paris-France, Moët & Chandon und die Slavia-Versicherungsbank; Sam Francis entwarf eine «Art Special» im Auftrag von Swatchgroup, Helmut Newton fotografierte Erotik für Harper's Bazaar, Lagerfeld, Vogue, Wolford — und kaum bekannt: auch für Pirelli —, und Oliviero Toscani verhalf Benetton zu weltweiter Aufmerksamkeit, liess sich aber genauso wenig vereinnahmen. Künstler kann man bezahlen, aber nur bedingt kaufen.

«Avco Lycoming ad, 1956»
Werbung des Flugmotoren- und Turbojet-Herstellers Avco Lycoming, 1956,
ca. 28 x 22 cm (big); auf Anfrage erhielt man einen Sonderdruck

Die Amerikaner sind vielleicht wegen ihrer kurzen Geschichte unbedarft, risikofreudiger, und in den USA war Auftragskunst nie ein Tabu. Die Kunstförderung der Container Corporation of America (CCA) — Mitte des letzten Jahrhunderts der bedeutendste Hersteller von Papier- und Karton-Verpackungen — ist ein hübsches Beispiel solch lösungsorientierter Sachlichkeit. Die CCA wurde 1926 gegründet vom amerikanischen Industriellen und Philanthrop Walter Paul Paepcke (1896–1960). Walter P. kam 1919, frisch verabschiedet von den U.S. Naval Reserve Forces, zur väterlichen Firma Chicago Mill and Lumber Company als Assistent des Finanzchefs, übernahm 1921 nach dem Tod des Vaters das Unternehmen, baute es aus und kaufte Firmen dazu, um schliesslich die CCA zu formen. Der Sohn von Hermann Paepcke und Paula Wagner hatte bereits im Elternhaus Zugang zu Kunst und Musik gefunden, und die Heirat mit Elizabeth «Pussy» Nitze — Tochter des Romanistik-Professors William A. Nitze und Schwester des herausragenden Diplomaten Paul Henry Nitze — verstärkte sein Interesse für die bildende Kunst.

«CCA ad»
Edward McKnight Kauffer, «One Integrated Flow of Production», 1941

Paepcke wollte nicht einfach Schachteln verkaufen, sondern eine umfassende Dienstleistung in einem gesamtheitlichen Rahmen anbieten, und er hatte eine über die doppelte Buchhaltung hinausgehende Vision — etwas in der Gesellschaft bewirken. Den Grundstein legte CCA, als sie 1936 Egbert Jacobsen als Design Director einstellte: Er setzte erstmals ein Logo durch, einen durchgehenden Firmenschriftzug, verbunden mit einem (wie man heute sagen würde) proaktiven Corporate Identity-Programm, und lancierte thematisch zeitgemässe Werbe-Kampagnen. Dazu vergab er Aufträge an bekannte oder vielversprechende Künstler aus aller Welt, besonders an Vertreter des sog. «European Modernism» — heute bezeichnet als «Klassische Moderne».



«Fernand Léger, ONE, 1939»
Fernand Léger, «ONE», 1939 (big)
   
«Man Ray 1942»
«Henry Moore 1944»
«Willem de Kooning 1945»
«Fernand Léger 1945»


«Adolphe M. Cassandre, United Nations, 1946»
Adolphe Mouron Cassandre, «United Nations», 1946 (big)

Paepcke unterstützte seit 1939 den ungarischen Maler, Fotografen und Bauhaus-Professor László Moholy-Nagy beim Wiederaufbau des Chicagoer «American New Bauhaus», und mit einer Kampagne zu den amerikanischen Bundesstaaten gab CCA einheimischen Künstlern Arbeit und die Gelegenheit, ihr Werk einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen. Einige Namen haben mittlerweile die Geschichte von Graphik und Kunst weitergeschrieben …



«Lester Beall, «Missouri», 1946»
Lester Beall, «Missouri», 1946 (big)
   
«Jerome Snyder, «New York», 1947»
«Ben Cunningham, «Nevada», 1948»
«Mark Tobey, «Washington» 1948»
«Otto Karl Knaths, «Wisconsin», 1948»

Der Bauhaus-Gründer und Architekt Walter Gropius hatte 1925 das Multitalent Herbert Bayer als Leiter der Werkstatt für Druck und Reklame nach Dessau berufen — Walter Paepcke verpflichtete den herausragenden Designer und brachte ihn 1946 nach Aspen/CO, wo Paepcke drei Jahre später eine Feier zum 200. Geburtstag von Johann Wolfgang von Goethe organisierte (der Anlass war derart prominent, dass unter den Gästen auch José Ortega y Gasset, Arthur Rubinstein, Albert Schweitzer und Thornton Wilder waren).

«Walter P. Paepcke and Herbert Bayer»
Walter P. Paepcke und Herbert Bayer, 1945, an der Ausstellung
«Modern Art in Advertising», Art Institute of Chicago, sponsor: CCA
(photo: Gordon Coster; courtesy of Time Life Pictures/Getty Images)

Ein Jahr danach gründete der CCA-Boss das Aspen Institute und kurz darauf die Aspen Skiing Company: Zwei Organisationen, die das Städtchen in den Bergen Colorados in eine international berühmte Urlaubsdestination verwandelten und dem Skisport in den USA zum Durchbruch verhalfen.

«ARCO ad Herbert Bayer Jasper Johns 1971»
Herbert Bayers Beitrag zu «The Ideal. The Real.», 1971,
einer Werbung der Atlantic Richfield Co., erschienen 1972 in The New Yorker

Wellpappe, Aspen, Bauhaus und Hans Erni — wie fügt sich das? Vor ein paar Monaten entdeckte ich ein mir unbekanntes Erni-Plakat aus den Vereinigten Staaten. Im Werkverzeichnis ist zwar unter der Nr. 152 das CCA-Plakat «Great Ideas of Western Man / Marcus Aurelius Antoninus on one world» von 1970 abgebildet. Doch die deutsch-englische Sonderausgabe von «Gebrauchsgraphik — International Advertising Art» mit dem Untertitel «Container Corporation of America: Design as an Expression of Industry» (Vol. 23, No. 9 vom September 1952, hrsg./gestaltet von Herbert Bayer) zeigt bereits Ernis «Marcus Aurelius». Der glückliche Fund in den USA brachte das ursprüngliche Werk ans Licht.

«Hans Erni, Marcus Aurelius Antoninus on one world, 1951»
Hans Erni, «Marcus Aurelius Antoninus on one world», 1951, 36 x 28 cm;
das Originalplakat #7 ist auch Bestandteil des 13-teiligen CCA Portfolio
«Great Ideas of Western Man — Advertisements for 1950–1951» (big, text);
Ernis Vorlage ist übrigens Teil der Smithsonian American Art Collection

War die Werbung der CCA während des Krieges stark patriotisch geprägt, wandte sie sich später hin zu mehr allgemeinen, politisch-humanistisch gefärbten Aussagen. In der herausragenden Reihe «Great Ideas of Western Man» hatte CCA Aufträge auch an Vertreter der europäischen Avantgarde vergeben. «The most famous institutional advertising campaign» zog sich von 1950 bis 1975 hin und zeigte rund 200 verschiedene Werke in Zeitschriften wie «Time» und «Fortune», alle bezogen auf westliche Denker, auf Schriftsteller, Wissenschaftler und Politiker, auf kulturelle Leitfiguren. Gestaltet sind die Plakate von Künstlern, die heute praktisch allesamt Weltformat haben, u.a. einem weiteren Schweizer top shot: Max Bill.



«Max Bill, Immanuel Kant on Citizenship, 1952»
Max Bill, «Immanuel Kant on Citizenship», 1952 (big)
   
«Herbert Matter 1950»
«Ben Shahn 1950»
«Paul Rand 1951»
«György Kepes 1951»
   
«Herbert Bayer 1951»
«Richard Lindner 1952»
«John Atherton 1953»
«Walter H. Allner 1953»

Beispiele aus der Reihe «Great Ideas of Western Man»

Ernis CCA-Werk von 1951 fügt sich nahtlos ein in Paepckes gesellschaftliche Vision und in die humanistische Tradition des Künstlers selbst. Das lange dauernde Exil im eigenen Land war belastend — inoffiziell dauerte es sogar bis in die 1980er, denn auch anlässlich des Baus des Hans Erni-Museums kam es zu Gehässigkeiten in Presse und Politik, und so richtig freudig stolz auf Hans Erni zeigte sich die Schweiz erst 2009, an den vielen Feiern und Anlässen zu seinem hundertsten Geburtstag —, doch in dieser Zeit schaffte er sich einen Namen in der Neuen Welt, im Fernen Osten und in Afrika; ein künstlerisches Ansehen, das bis heute hält.

«The Relay, U.S. Olympic Team 2004»
«The Relay», 2004 U.S. Olympic Team / Athens, Greece;
Kunstkarte, 17.8 x 12.7 cm, hrsg. Fine Art Ltd., St. Louis/MO (big)

PS: Im Mai 1976, zum 200. Geburtstag der Vereinigten Staaten und zum 50. Firmenjubiläum von CCA erschien bei R.R. Donnelley and Sons, Chicago, das herrliche Werk «GREAT IDEAS».

«GREAT IDEAS, 1976»
«GREAT IDEAS», 1976, Erstauflage, aufwendig in Leinen gebunden,
mit Schuber im Originalkarton

Das sehr schöne Buch im Folio-Format (36.4 x 28.8 cm) zeigt auf 400 Seiten in Farbe 195 Werke von 157 Künstlern aus der Anzeigen-Kampagne «Great Ideas of Western Man». Nebst einem Vorwort und mehreren Textbeiträgen werden jeder «Western Man» und jeder Künstler vorgestellt, u.a. Hans Erni.

«Nord-Amerika, 1960»
Nord-Amerika, 1960, Tempera, 61 x 44 cm (big);
das wunderbare Werk kann im Hans Erni-Museum 1:1 betrachtet werden

PPS — last, but definitely not least: Kaum war dieser Artikel online gestellt, entdeckte ich via Google Jürg Vollmers Initiative einer Begegnung zwischen Hans Erni und der «Schweizer Internet-Szene» sowie die Absicht der Gesellschaft Schweiz–Russland, dem Künstler die Ehrenmitgliedschaft zu verleihen. Das Ganze passte sehr gut zum Thema, und weil ich Hans Erni seit längerem nicht mehr getroffen hatte, war der Termin im HEM gesetzt.

«Gesellschaft Schweiz–Sowjetunion, 1944/45»
tough: Gesellschaft Schweiz–Sowjetunion, 1944 (Entwurf) bzw. 1945,
Lithographie mehrfarbig, 128 x 91 cm, WV 21 (big)

Auslöser des Ganzen war das vom Bundesrat am 27. Februar 1945 verbotene Erni-Plakat für die Wiederaufnahme der seit 1918(!) unterbrochenen Diplomatie und den Aufbau von «freundschaftlichen und vertrauensvollen Beziehungen» zwischen der Schweiz und der Sowjetunion. Offiziell hiess es, «Das Plakat ist nach seiner gesamten Aufmachung Propaganda für eine kriegsführende Macht», es könne die Neutralitätspolitik der Schweiz «stören», und sowieso: Weil gemäss Bundesverfassung «die Führung der völkerrechtlichen Beziehungen Sache des Bundesrates» sei, «(…) geht [es] nicht an, dass gleichzeitig Parteien oder Vereine auswärtige Politik betreiben» — und überhaupt, die Schweiz sei im Verhältnis zur Sowjetunion viel zu klein dargestellt (Blindheit oder Blödsinn, denn geographisch gesehen ist Europa tatsächlich Eurasiens Appendix …) und das dicke Tau erwürge symbolhaft die Schweiz. Solch legalistische und offensichtlich fadenscheinige Betrachtung überzeugte nicht wirklich. Die Weltwoche, schon damals nicht der Verbreitung marxistischen Gedankengutes verpflichtet, und auch die bürgerliche Basler National-Zeitung kritisierten den Entscheid aus Bern. Der Publizist Oskar Reck (promovierter Jurist, Grossrat der Thurgauer FDP und Zentralpräsident der Neuen Helvetischen Gesellschaft, also weder unkundig noch ein Linker) brachte es auf den Punkt: «Aus der bundesrätlichen Verbotsbegründung spricht schlechtverhohlenes Misstrauen gegen die politische Reife des Volkes». Doch die Vernunft sollte unterliegen, man läutete behördlich abgesegnet das jahrzehntelange Erni-Bashing ein.



«the meeting»
die Begegnung (big)
   
«meeting Hans Erni»
«meeting Hans Erni»
«meeting Hans Erni»
«meeting Hans Erni»
   
«meeting Hans Erni»
«meeting Hans Erni»
«meeting Hans Erni»
«meeting Hans Erni»

Knapp 65 Jahre später, am Samstagmorgen des 17. April 2010 trafen ein paar Internauten und Publizisten den Künstler im Hans Erni-Museum. Man rückte rasch zusammen und unterhielt sich sehr offen. Erni gab bereitwillig Auskunft über die Beweggründe fürs GSS-Plakat von 1945 und die politische Alternative jener Zeit; er erzählte von seinem Werdegang während des Zweiten Weltkriegs, wie er eingeteilt in den «intellektuellen Hilfsdienst» über den «Motorfahrer HD» im Munitionstransport zum Tarnmaler von Innerschweizer Felskavernen und Berater für die Tarnung von Festungskuppen, Hochgebirgs-Unterkünften und Geschützstellungen eingesetzt wurde. Er erläuterte sein Verhältnis zur Photographie (es gibt praktisch keine veröffentlichten Photos aus seiner Hand): Erni photographierte impressionistisch, um den Eindruck festzuhalten — die Expression, der künstlerische Ausdruck war bei ihm stets materielle Umsetzung, also eine Zeichnung, ein Gemälde, eine Lithographie, ein Fresko oder auch eine Skulptur. Erni erzählte, wie es zur Begegnung mit Joe Faulkner kam, wie er den Auftakt zur Rundreise in die Vereinigten Staaten erlebte und weshalb er überzeugt ist, Picassos «Guernica» sei ein wesentliches Ab-Bild des 20. Jahrhunderts (ich hatte dieses Gemälde so nie gesehen, doch je mehr ich darüber nachdenke, desto eher glaube ich zu erkennen, wie Picasso tatsächlich das Letzte Abendmahl dieser Epoche schuf; Hans Erni könnte punktgenau gelandet sein …). Auf die Frage, ob und wie er jemals Zweifel erlebte, antwortet Erni, er habe sich gesellschaftlich, politisch und auch künstlerisch immer in Frage gestellt; diese Unsicherheit sei wesentlich und notwendig für jeden, der einen «Vorstoss ins Ungewisse» wage.

Das Gespräch wurde einige Male durch freundliche «Autogrammjäger» unterbrochen — selbst mit 101 Jahren nimmt Hans Erni diesen Teil seiner öffentlichen Auftritte freundlich-ernsthaft wahr —, und es war spannend zu betrachten, wie der (unter-)zeichnende Erni immer noch unmittelbar das Publikum zu fesseln vermag; weder Literatur noch die beste Dokumentation können das 1:1-Erlebnis ersetzen.



«portrait Hans Erni»
ein Charakterkopf und ausdruckskräftige Hände …
(portraits: courtesy of Nina)
   
«portrait Hans Erni»
«portrait Hans Erni»
«portrait Hans Erni»
«portrait Hans Erni»

Am Abend beschenkte die Gesellschaft Schweiz–Russland (GSR) Hans Erni mit der Ehrenmitgliedschaft «für seine Verdienste zur Völkerverständigung» (und Co-Präsident Jürg Vollmer gestand dem Künstler ausdrücklich zu, er müsse sich nicht an die Statuten halten ;-) Der Anlass war nicht gross angekündigt worden und fand daher im engen, erfrischend schlichten Kreis statt; der heute zuständige Nachfolger im Bundesrat war eingeladen, aber logo leider unabkömmlich. Prof. Georg Kreis beschrieb in der Laudatio Hans Erni als «homo politicus» und bettete diese individuelle Geschichte in seinen eigenen historischen Zusammenhang. Anyway: Die Co-Präsidenten der GSR, Marianna Polischuk und Jürg Vollmer, übergaben dem Geehrten einen wunderschönen Samowar, und Alexander Ionov, der aus Moskau stammende und in Zürich lebende Musiker schmückte virtuos mit seiner Balalaika den Akt im Auditorium des HEM. Hans Erni zeigte sich in einer kurzen Dankesrede sehr erfreut, aber auch erstaunt darüber, für etwas so Selbstverständliches wie das Einstehen für Frieden und Völkerverständigung geehrt zu werden. Dieser Samstag wird nicht nur mir als gelungenes und frohes Fest der offen freundlichen Begegnung in Erinnerung bleiben.



«im Auditorium»
die Ehrung im prächtigen Auditorium des Hans Erni-Museums (big)
 
«GSR Ehrenmitgliedschaft»
«Fototermin mit Plakat»
«Doris und Hans Erni»
«Hans Erni und Alexander Ionov»

Quellen:
¹ s. Jean-Charles Giroud, «Hans Erni / Plakate / 1927–2009», Verlag Patrick Cramer, Genf 2011, S. 321
² John Bernhard on youtube
• Karl Bühlmanns 2009 erschienene Buch «Zeitzeuge Hans Erni», hier besonders das Kapitel «Das Gespenst des Kommunismus» (SS. 141–152)
• betr. die bisher unbekannten Einzelheiten zur Ausstellung 1959 in Delphi/IN: Mayor Randy Strasser (Bürgermeister von Delphi/IN) und Anita Werling (Delphi Preservation Society) — thank you!
• im Text genannte und eigene Unterlagen

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